Wien hat viele Gesichter, aber kaum eines ist so stimmungsvoll und geschichtsträchtig wie das kleine Griechenviertel in der inneren Stadt. Es ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Migration, Handel und Stadtentwicklung Wien geprägt haben. Die Namen von Straßen und Gebäuden erzählen Geschichten von internationalen Netzwerken, wirtschaftlicher Blüte und kulturellem Austausch.
Wer heute durch die Griechengasse oder über den Fleischmarkt spaziert, bewegt sich auf historischen Pfaden – zwischen mittelalterlichem Marktleben, griechischer Kaufmannstradition und Wiener Wirtshauskultur. Gerade diese dichte historische Schichtung macht den besonderen Reiz dieses kleinen, oft übersehenen Viertels aus.

Die Griechenkirche zur Heiligen Dreifaltigkeit
Im Zentrum des Griechenviertels befindet sich die Griechenkirche zur Heiligen Dreifaltigkeit, ein beeindruckendes Zeugnis der griechisch-orthodoxen Gemeinschaft und ihrer langen Geschichte in der österreichischen Hauptstadt.
Die Geschichte der Griechenkirche
Die Ursprünge der griechisch-orthodoxen Gemeinde in Wien reichen bis ins späte 18. Jahrhundert zurück. Der Grund dafür liegt im Toleranzpatent Kaiser Joseph II. von 1781, das den Bau und die offizielle Anerkennung nicht-katholischer Gottesdienste in der Habsburgermonarchie erlaubte. Bereits 1787 wurde an dieser Stelle eine erste kleine griechisch-orthodoxe Kirche errichtet – ein Meilenstein für die damals wachsende griechische Handels- und Kaufmannsgemeinschaft in der Stadt.

Die heutige Kirche: Bau und Architektur
In der Mitte des 19. Jahrhunderts erhielt die Gemeinde ein neues, repräsentatives Gotteshaus, die heutige Griechenkirche zur Heiligen Dreifaltigkeit. Anders als das ursprüngliche einfache Bauwerk ist dieses Gebäude ein imposantes Beispiel für die architektonische Verschmelzung byzantinischer Tradition mit klassisch-westlichen Bauformen.

Der Bau wurde nach Plänen des dänisch-österreichischen Architekten Theophil Hansen realisiert, der damals zu den bedeutendsten Architekten Wiens zählte. Hansen, der später auch am Bau großer öffentlicher Gebäude wie dem Österreichischen Parlament beteiligt war, verband in diesem Projekt byzantinische Elemente mit einem architektonischen Vokabular des 19. Jahrhunderts. Der Bau wurde am 21. Dezember 1858 feierlich eingeweiht und prägt seitdem das Straßenbild des Fleischmarkts.

Architektur im Detail
Die Kirche ist ein beeindruckendes Beispiel der Byzantinischen Revival-Architektur in Wien. Charakteristische Merkmale sind u. a. die Fassadengestaltung mit zweifarbigen Ziegeln und vergoldeten Bögen. Der prunkvolle Innenraum, der orthodoxe Liturgieformen widerspiegelt, ist mit umfangreicher Ikonographie, Ikonostase und Fresken ausgestattet.

Religiöse und kulturelle Bedeutung
Seit 1963 ist die Griechenkirche am Fleischmarkt der Sitz der griechisch-orthodoxen Metropolis von Österreich – also das geistliche Zentrum der griechisch-orthodoxen Kirche in Österreich und darüber hinaus. Die Metropolis gehört zum ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel und betreut zahlreiche Gemeinden in Österreich, Ungarn und dem mitteleuropäischen Raum.
Das Gotteshaus ist heute sowohl ein aktives Zentrum orthodoxer Liturgie als auch ein kultureller Treffpunkt für Wiener, Besucher und Angehörige der griechischen Gemeinschaft.

Die Herkunft des Griechenviertels
Das Griechenviertel verdankt seinen Namen den griechischen Kaufleuten, die sich ab dem 17. Jahrhundert verstärkt in Wien niederließen. Viele von ihnen stammten aus dem Osmanischen Reich und waren als wohlhabende Händler tätig. Wien war damals ein bedeutender Knotenpunkt zwischen Ost und West – ein idealer Ort für den Handel mit Seide, Baumwolle, Gewürzen und anderen kostbaren Waren.

Die griechische Gemeinde entwickelte sich rasch zu einer der einflussreichsten Kaufmannsgruppen der Stadt. Sie errichtete eigene Wohn- und Handelshäuser, pflegte ihre Sprache und Kultur und prägte damit das Viertel nachhaltig. Bis heute erinnert der Name „Griechenviertel“ an diese Epoche.

Fleischmarkt und Griechengasse
Der Fleischmarkt ist eine der ältesten Straßen Wiens (erstmals 1220 erwähnt). Es lohnt sich mit offenen Augen durch diese Straße zu gehen um beeidruckende Jugendstilgebäude sowie wunderschöne Häuser mit schönen Fresken anzusehen. Der Name geht auf das mittelalterliche Marktgeschehen zurück: Hier befand sich einst ein zentraler Handelsplatz für Fleisch und Viehprodukte. Im Mittelalter waren bestimmte Waren streng auf einzelne Straßenzüge oder Plätze verteilt, um Hygiene, Kontrolle und Besteuerung zu erleichtern. Der Fleischmarkt war somit der offizielle Ort, an dem Fleisch verkauft und gehandelt wurde.

Eine meiner Lieblingsgassen in Wien ist die Griechengasse, die gleich neben der Kirche beim Griechenbeisl Richtung Schwedenplatz abzweigt. Geht man nachts durch diese Gasse fühlt man sich in der Zeit zurückversetzt und man kann sich vorstellen wie es in früheren Jahrhunderten in Wien einmal gewesen ist. Mit ihrem Kopfsteinpflaster und den alten Schwibbögen ist sie eines der meistfotografierten Motive Wiens.

Das Griechenbeisl – Wiens ältestes Wirtshaus
Ein zentraler Anziehungspunkt des Viertels ist das berühmte Griechenbeisl. Es gilt als eines der ältesten Gasthäuser Wiens; urkundliche Erwähnungen reichen bis ins Jahr 1447 zurück.
Der Name des Lokals hat ebenfalls einen engen Bezug zur griechischen Gemeinde. Das Griechenbeisl war ein beliebter Treffpunkt für griechische Händler und Reisende, die hier nicht nur speisten, sondern auch Neuigkeiten und Geschäfte austauschten.
Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich das Wirtshaus zu einem kulturellen Treffpunkt. Zahlreiche berühmte Persönlichkeiten – darunter Ludwig van Beethoven, Franz Schubert und Mark Twain – sollen hier zu Gast gewesen sein. Noch heute zieht das Lokal Einheimische wie Touristen gleichermaßen an.

Der liebe Augustin und das Griechenbeisl
Untrennbar mit dem Griechenbeisl verbunden ist die berühmte Wiener Sagengestalt Marx Augustin, besser bekannt als der liebe Augustin. Er war im 17. Jahrhundert als Dudelsackspieler, Sänger und Original in Wien bekannt und soll regelmäßig im Griechenbeisl aufgetreten und eingekehrt sein.
Der Legende nach überlebte Augustin die große Pestepidemie von 1679 auf wundersame Weise: Betrunken soll er in eine Pestgrube gefallen sein und dennoch am nächsten Morgen lebend daraus hervorgekommen sein. Diese Geschichte machte ihn zur Symbolfigur für den unverwüstlichen Wiener Lebensmut.
Im Griechenbeisl erinnert bis heute eine Augustin-Statue an diese Erzählung. Sie steht sinnbildlich für die Verbindung von Wiener Volkskultur, Humor und Überlebenswillen – Eigenschaften, die man bis heute mit der Stadt identifiziert.

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Informationen
Adresse: Fleischmarkt 13, 1010 Wien (1. Bezirk)
Telefon: +43 1 533 38 89
Öffnungszeiten: Mo 10.00-16.30 | Di-Fr 10.00-18.00 Uhr | Sa 9.00-13.00 Uhr | So 8.00-12.30
Öffentliche Verkehrsmittel: U1 / U4 Station Schwedenplatz | U3 Station Stubentor | U1 / U3 Station Stephansplatz | Bim Linien 1 / 2 Haltestelle Schwedenplatz
Web: www.metropolisvonaustria.at/index.php/de/metropolis/gemeinden
Quellen: Gemini | Wikipedia Website Metropolis
Photos by Peter Muck






