Das Gutruf

Heute stelle ich ein zentral gelegenes Lokal vor, das touristisch weitgehend unbekannt ist, aber zum Einen auf alle Fälle einen Besuch wert ist und zum Anderen eine außergewöhnliche Historie hat und in Künstlerkreisen sehr bekannt war.

Die Leuchtreklame des Gutruf - www.wien-erleben.comNur 250 m vom Stephansplatz entfernt, gleich hinter der Peterskirche, also zentral im Herzen des 1. Bezirks und doch abseits der Touristenströme. Und wenn man daran vorbei geht käme man nie auf die Idee hinein zu gehen, so schlicht und schmucklos wirkt das Gutruf von außen. Mir ist kein Reiseführer bekannt in dem das Lokal erwähnt ist und auf Tripadvisor hat es mickrige 21 Bewertungen.

Wie also kam ich zum ersten Mal in das Lokal? Ich war mit einem Bekannten, Albert dem Zauberer im 1. Bezirk unterwegs und er wollte beim Wein & Co. Einen bestimmten Wein probieren der gerade im Angebot und zur Verkostung war. Nebenbei, es war ein Olivin, ein roter Cuvee und ich musste ihm recht geben, es ist ein klasse Wein. Als wir fertig waren fragte er mich „War ich mit dir schon mal im Gutruf?“. War ich natürlich noch nicht und somit war die Entscheidung gefallen.

Unscheinbar, aber mit toller Atmosphäre

Das Lokal ist nicht sehr groß, man tritt ein, geht durch einen halbrunden Vorhang der die Kälte etwas draußen halten soll und steht mitten im Gutruf. Rechts vor dem großen, mit einem Store verdeckten Fenster ist der Stammtisch. Das Zentrum bildet eine Theke mit Stühlen, dahinter der Ausschank und die Küche mit einem Gasherd. Alles im Lokal istauf engstem Raum. Auf der linken Seite sind noch ein paar Tische und anschließend kommt ein Durchgang mit noch einigen wenigen Tischen, dahinter geht es zu den Toiletten. Fertig, das war`s. Hört sich jetzt so unspektakulär an wie es von außen aussieht…

Theke des Gutruf in Wien - www.wien-erleben.com

Aber das ist vielleicht gerade das Geheimnis. Es herrscht eine besondere Athmosphäre hier, es ist wie wenn man eine Zeitreise zurück in die 60er Jahre unternimmt. Besonders mystisch wird es wenn es draußen dunkel ist und sich die Schatten der vorbeifahrenden Fiaker an der Gardine abzeichnen.Und dazu gibt es hervorragendes Essen, eine Mischung aus Wiener Küche und asiatisch. Hört sich jetzt erst mal auch widersprüchlich an, warum das so ist erklärt sich im Laufe dieses Berichts. Auf alle Fälle schmeckt es, ob man jetzt ein Gulasch, Rouladen oder Chinesische Nudeln isst. Auch das Trumer Bier ist sehr süffig und der Wein empfehlenswert.

Asiatische Nudeln im Gutruf - www.wien-erleben.comDiese Mischung zieht auch immer interessante Menschen an. So saßen wir bei diesem besagten ersten Besuch mit zwei Männern an einem Tisch und kamen im Laufe des Abends kurz ins Gespräch. Dabei stellte sich heraus dass der Eine, der eher aussah und gekleidet war wie ein Pfeife rauchender Brite, aus Mainz stammte und schon über 25 Jahre in Wien lebte. Er erzählte uns, das er nebenbei Wien-Krimis schreibt, von Beruf sei er aber Cellist bei den Wiener Philharmonikern.

Der kleine Tisch links am Durchgang zum WC ist meist besetzt von Kartenspielern, die den Eindruck erwecken zum Inventar zu gehören und immer da zu sitzen. Die Wände sind voller Bilder und an der Decke sind Spielkarten, die vom professionellen Zauberer „Magic Freytag“ dorthin gezaubert wurden.

In diesem Haus wohnte schon Mozart

Interessant ist auch das Gebäude. Von Mai bis September 1781 wohnte Wolfgang Amadeus Mozart in dem Haus, das heute die Adresse Milchgasse 1 trägt. Hier komponierte er die Oper Die Entführung aus dem Serail.

An die Decke gezauberte Karten im Gutruf
An die Decke gezauberte Karten

Seit meinem ersten Besuch bin ich gerne und oft im Gutruf. Was ich aber lange nicht wusste ist die interessante Geschichte des Lokals und dass es ein Treffpunkt prominenter Künstler und einflussreicher Personen war. Begonnen hat alle mit Leopoldine Gutruf, einer verarmten Fabrikbesitzerin. Sie eröffnete mit dem letzten Geld, gemeinsam mit einem Compagnon im Jahr 1906 die Delikatessenhandlung „English House L. Gutruf & Co“. Das Geschäft war auf Import-Delikatessen und -Getränke spezialisiert. 1947 verkaufte die Gründerin das Lokal an Hannes Hoffmann. Von ihr hat das heutige Lokal seinen Namen.

Mystischer Schatten eines Fiakers im Gutruf - www.wien-erleben.com

Hannes Hofmann war gelernter Operettensänger und er führte das Lokal bis 1966. In dieser Zeit machte er es zu einem wichtigen Treffpunkt prominenter Künstler. Zentrale Figur des Gutruf in diesen Jahren war Helmut Qualtinger. Um ihn gruppierten sich Personen wie der Bildhauer Alfred Hrdlicka, die Maler Friedensreich Hundertwasser, die Dichter H. C. Artmann und Reinhard Priessnitz, der Karikaturist Erich Sokol, der Komponist Gottfried von Einem, der Schauspieler Kurt Sowinetz, der Kabarettist Werner Schneyder, oder der Politiker Helmut Zilk. Die Schauspielererin Erni Mangold war lange Zeit die einzige Frau in dem vorwiegend männlich besetzten Lokal die akzeptiert wurde. Diese Zeit wird als „Goldenen Ära“ des Lokals bezeichnet. Hofmann gilt auch als Vorbild für das zeitkritische Einpersonenstück „Der Herr Karl“ von Carl Merz und Helmut Qualtinger.

Das Hinterzimmer von Helmut Qualtinger

Kartenspieler im Gutruf - www.wien-erleben.comDer Autor, Regisseur und ehemalige ORF-Generalintendant Thaddäus Podgorski beschrieb das Gutruf so: „Es ist eigentlich kein Lokal, es ist eine Höhle und diese Höhle ist heute verhältnismäßig komfortabel. Früher war da hinten ein Hinterzimmer, wo sich eine Partie verkrochen hat“. Womit wir beim Thema Hinterzimmer wären. Diese hatten in der ersten Nachkriegszeit eine entscheidende Bedeutung und waren geheimnisumwittert. In Hinterzimmern wurde die Zukunft ausgebrütet und es wurden große Entscheidungen getroffen. Es war ein Ort der Intimität in dem man sich nur mit seinen engsten Freunden und Gesinnungsgenossen traf. In Wien gab es in der ersten Nachkriegszeit vier wichtige Hinterzimmer, und eines davon war das Gutruf, das Hinterzimmer von Helmut Qualtinger.

An schönen Sommertagen verlagerte sich das Geschehen oft hinaus auf die Milchstraße, sehr zum Leidwesen von Hannes Hoffmann, der ohne Konzession Alkohol ausschenke. Es kamen einmal zwei Polizisten, die vom Lärm der aus dem Gutruf drang aufmerksam geworden waren ins Lokal um zu Kontrollieren. Da kam der damalige Wiener Polizeipräsident Joschi Holaubek kam aus dem Hinterzimmer und fragte die Beiden „Was is’?“, worauf diese antworteten „Nix, Herr Präsident“, salutierten und das Lokal verließen.

Albert der Zauberer im Gutruf - www.wien-erleben.com
Albert der Zauberer bei einem Kartentrick

Ein weiterer interessanter Zeitgenoss und Bewohner des Gutruf war der Verweigerungskünstler Otto Kobalek. Er war auf Spenden angewiesen und so zahlten die Gäste die sogenannte Kobalek-Steuer in Höhe von zwanzig Schilling. Dies hielt Otto Kobalek jedoch nicht von seinen gefürchteten Kritiken und Beschimpfungen ab. Nach einem Abend im Gutruf ging er in das Theater der Jugend, in dem eine Vorstellung von Samuel Becketts Stück „Godot“ aufgeführt wurde. Otto Kobalek erschien auf der Bühne und sagt zu Schauspieler und Publikum: „Godot ist da. Sie müssen nicht mehr warten.“ Es soll daraufhin sogar Helmut Qualtinger bei Beckett selbst angerufen und ihm die Geschichte erzählt haben. Dieser soll alle schön grüßen lassen und gesagt haben, das er darauf schon immer gewartet habe. Zum ersten Mal in der Geschichte der Literatur ist Godot erschienen.

Das Lokal brannte 1966 ab und Hannes Hoffmann verkaufte es. Es wurde ab 1967 von verschiedenen Pächtern betrieben. Ab 1972 führte Rudolf Wein das Gutruf. Der Geschäftsmann und Agent des ungarischen sowie DDR-Geheimdienstes war 1962 das erste Mal ins Gutruf gekommen. Er renovierte nach der Übernahme das Lokal und führte die heute noch bestehende Garküche ein.

Er gründete den Club Gutruf um sich ungebetener Gäste zu erwehren. Dies trug weiter zur Mystifizierung des nach außen hin unscheinbaren Ortes bei. Rudi Wein ließ nur wenige Frauen (Gutrufianerinen) zu, überliefert sind Erni Mangold, Eva Deissen und Louise Martini. Gattinnen hatten prinzipiell keinen Zutritt. Unter Wein herrschte außerdem striktes Hundeverbot.

Fotos von Künstlern die im Gutruf verkehrten - www.wien-erleben.com

Diese Zeit wird als das silberne Zeitalter des Gutruf deklariert. Der Kometenschweif um Qualtinger wurde dünner, der innere Zirkel vermischte sich mit mehr Bürgerlichkeit, Journalisten und Politszene sowie anderen Künstlerkreisen. Zu den Stammgästen jener Zeit zählten der Rennfahrer Niki Lauda, der Musiker Fatty George sowie Politiker wie Karl Blecha und Norbert Steger.

Die gute Küche im Gutruf

Das Gulasch im Gutruf schmeckt super - www.wien-erleben.comIm Jahr 1974 begann Bernhard Chung im Gutruf als Koch. Er kam mit seinem Reisepass der Volksrepublik China in einer abenteuerlichen Reise von Kalkutta Anfang der 1970er nach Wien. Seither ist er verantwortlich für chinesisch-indisch-wienerische Gerichte vom Feinsten. Im August 1983 erhielt er die österreichische Staatsbürgerschaft. Ebenfalls 1983 übergab Wein 90 % seiner Anteile an Chung. Rudi Wein schied 1991 endgültig aus. Seither führt Bernhard Chung das Gutruf. Mit seiner Übernahme wurde das „Frauenverbot“ endgültig aufgehoben.

Im Jahr 2006 zum 100. Geburtstag des Gutruf wurde der Jubiläumsband „Das Gutruf -Ein Hinterzimmer wird 100“ aufgelegt. Da einige Stammgäste Fotografen waren, darunter Franz Hubmann, Gino Molin-Pradel und Kristian Bissuti, konnte das Buch mit Fotos aus allen Gutruf-Epochen bereichert werden. Die Maler Franz Ringel, Adolf Frohner, Maria Lahr und Walter Schmögner waren regelmäßige Gäste des Hinterzimmers und verewigten ihre Erinnerungen in Gutruf-bezogen Werken. Herausgeber beider Bücher waren die Insider und – seit 1992 – Besitzer des Lokals Thaddäus Podgorski, Herbert Völker und Peter E Allmayer-Beck.

Gutruf Wien - ein Blick in die kleine Garküche - www.wien-erleben.com

Informationen

Adresse: Milchgasse 1, 1010 Wien (1. Bezirk)

Öffentliche Verkehrsmittel: U1 / U3 Station Stephansplatz

Öffnungszeiten: Mo – Sa: 8.30 bis 24.00 | So: geschlossen

Quellennachweis: Wikipedia | Bericht auf der Website von Ö1 / ORF

Kartenspieler im Gutruf in Wien - www.wien-erleben.com

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